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Letzte Änderung
12.04.2011
Horsemanship > Bericht > Mark Rashid > Respekt auf Gegenseitigkeit

Übersetzung eines Artikels von Mark Rashid für Western News 6/2002

Respect is a Two Way Street
Respekt beruht auf Gegenseitigkeit

 

von Mark Rashid


Übersetzung: Ingrid Stiel

Viele von uns sind durch den Begriff "Respekt" verunsichert. Es wird uns immer wieder erzählt, dass viele unterschiedliche Verhaltensweisen unserer Pferde darauf zurückzuführen sind, dass wir irgendetwas falsch machen, und nicht den Respekt unserer Pferde haben. Und als Antwort auf diesen "Mangel an Respekt" werden uns oft Dinge empfohlen wie, lass das Pferd seine Beine bewegen, indem du es rasch rückwärtsrichtest oder es auf einen winzig kleinen Zirkel schickst oder andere Manöver dieser Art.
Erst wenn wir verstanden haben, dass wir in der Art und Weise wie wir mit unseren Pferden täglich umgehen zuverlässig und vertrauenswürdig sein müssen, können wir über weitere Schritte reden. Viele Leute lassen sich aus der Fassung bringen und dann geraten sie möglicherweise in Schwierigkeiten. Wir möchten gerne zu diesem Thema eine etwas andere Betrachtungsweise vermitteln und einige Anregungen dazu geben, was man tun könnte, wenn verschiedene Verhaltensweisen ausarten - bei uns, oder bei unseren Pferden.

Hier einige Fragen, die an Mark gestellt wurden:

Glaubst du, dass es wichtig ist, den Respekt unserer Pferde zu haben?

M: Ja, aber bevor du ihren Respekt bekommen kannst, musst du ihr Vertrauen haben. Respekt beruht auf Gegenseitigkeit. Du kannst ihn nicht bekommen, ohne dich deinem Pferd gegenüber auch respektvoll zu verhalten.

Wie, glaubst du, sollten wir vorgehen um diesen Respekt zu bekommen?

M: Dadurch, dass du dich zuerst um das Vertrauen deines Pferdes bemühst und indem du ihm nicht ständig unterstellst, dass es respektlos ist. Viele Dinge, die Pferde tun, tun sie nicht zwangsläufig aus Respektlosigkeit. Wenn du z.B. im Round Pen siehst, dass dein Pferd im Vorbeilaufen in deine Richtung kickt - ist das Disrespekt? Nicht unbedingt. Oftmals erscheinen Dinge als respektlos, die tatsächlich aus Angst oder Selbstverteidigung passieren. Wenn sie aus einer Entfernung von 10m nach dir kicken, wie groß ist die Chance, dass sie dich tatsächlich auch treffen? Schau dir die ganze Situation an. Sogar, wenn dein Pferd dich aus größerer Entfernung attackiert oder rückwärts auf dich zukommt, glaube ich, geschieht dies meist aus Angst oder Selbstschutz, die wir möglicherweise selbst provoziert haben, oder aus Erinnerung an vergangene furchterregende Situationen. Indem wir nicht immer gleich annehmen, dass Respektlosigkeit die Ursache ist, sondern möglicherweise Nichtverstehen, Verwirrung oder Angst, öffnen wir uns neue Wege damit umzugehen.

Sollten wir den "Druck", den wir auf unsere Pferde ausüben überhaupt jemals steigern?

M: Natürlich kann das sein. Aber nochmals, du musst jede Situation so nehmen, wie sie eben kommt. Wenn unser Pferd beginnt ein Verhalten an den Tag zu legen, das nicht akzeptabel ist, dann müssen wir darauf mit geringsten Mitteln reagieren und ihm klar machen, dass dieses Verhalten nicht in Ordnung ist. Dann müssen wir eben tun, was notwendig ist. Das kann, zum Beispiel mit einem zischenden Geräusch beginnen, dann, (wenn es notwendig ist) indem man einen Schritt auf das Pferd zugeht, möglicherweise wäre der nächste Schritt ein Heben der Arme. Wodurch ich oftmals Leute in Schwierigkeiten kommen sehe ist, dass sie zu Beginn gleich heftiger reagieren, als notwendig wäre und sie dadurch die kleinen Versuche des Pferdes übersehen und den entscheidenden Punkt überschreiten. Beginn mit dem geringsten und dann steigere die Intensität.
Also, ja es gibt Zeiten, in denen möglicherweise mehr Druck notwendig ist, aber richte dich nach der jeweiligen Situation.

Wenn das so ist, was sind die drei wichtigsten Dinge, die du uns empfehlen kannst, um mit solchen Situationen fertig zu werden?

M: 1. das Wichtigste ist, die Aufmerksamkeit deines Pferdes zu behalten. Bevor du irgend etwas anderes tun kannst, musst du seine Aufmerksamkeit haben. Hast du sie erst einmal bekommen, bedarf es nur ganz kleiner Dinge um sie auch zu behalten. Oftmals wenden wir verschiedene Techniken an ohne wirklich die volle Aufmerksamkeit unseres Pferdes zu haben und sie sind gedanklich einfach mit anderen Dingen beschäftigt, und dann sind wir gezwungen, den Druck zu erhöhen um uns wieder bemerkbar zu machen. Hätten wir gleich mit mehr Aufmerksamkeit des Pferdes begonnen oder besser darauf geachtet, sie auch zu behalten, hätten wir den Druck nicht erhöhen müssen.
2. Hast du zwar die Aufmerksamkeit, aber dennoch das unerwünschte Verhalten deines Pferdes, so hat es vielleicht nicht verstanden, was du von ihm eigentlich wolltest und das heißt zwangsläufig nicht, dass es nicht versucht hätte, das Richtige zu tun. Dann könntest du den Druck etwas erhöhen um die richtige Antwort zu bekommen, aber wirklich nur um ein klein wenig. Wenn du den Druck sofort massiv erhöhst und über den Punkt hinausgehst an dem dein Pferd noch reagieren könnte, übertreibst du und es könnte so weit kommen, dass sich dein Pferd tatsächlich aufregt. Sobald das Pferd aufgebracht ist, beginnt meist der Kampf.
3. Wenn du den Druck zu sehr erhöht hast und über den Punkt hinausgegangen bist, wo es für das Pferd noch erträglich ist, fass dich wieder, geh einen Schritt zurück, halt an, lass dich nicht aus der Ruhe bringen. Wenn Dinge wirklich schlecht laufen, kannst du sogar den Round Pen (oder wo du halt gerade mit deinem Pferd arbeitest) verlassen um wieder zur Ruhe zu kommen, bevor du einen neuen Versuch startest. Wenn du beim Reiten ein Problem hast, wenn du vielleicht gerade Galoppwechsel üben möchtest und du in einen Kampf mit deinem Pferd gerätst, hör damit auf und geh zum Schritt zurück. Wenn du lieber absteigen möchtest, so tu das. Gib euch beiden etwas Zeit darüber nachzudenken. Kann sein, dass du sogar für diesen Tag aufhörst. Tu was du tun mußt, um die Situation in den Griff zu bekommen. Ich bevorzuge es immer abzusteigen, anstatt eine Situation außer Kontrolle geraten zu lassen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Pferd bereit ist, sein unerwünschtes Verhalten noch zu verstärken, wenn du den Druck auf das Tier eskalieren lässt. Nachdem man abgestiegen ist, ist es für beide leichter die gleiche Übung nochmals mit einem besseren Start zu beginnen.

Welche zwei Techniken wendest du üblicherweise in solchen Situationen erfolgreich an?
(z.B. Rückwärtsrichten, Leadrope einsetzen, etc.)


M: Nimm was du brauchst, das ist das beste Mittel. Verwende die Ausrüstung, die du gerade zur Verfügung hast und mach damit weiter. Die meisten Leute sind so auf Ausrüstung fixiert, dass sie jeden Blick für die betreffende Situation verlieren. Ausrüstung und Technik überzubewerten schafft neue Probleme, weil dies die Leute daran hindert den nächsten Schritt selbständig und logisch so zu setzen, wie es die jeweilige Situation eben erfordert. Die Leute sollten wissen, dass es in Ordnung ist kreativ zu sein, wenn es der Lösung von Problemen hilft, oder deren Entstehung überhaupt gleich zu verhindern. Ich hatte, zum Beispiel einmal eine Stute, die etwas Unterstützung von hinten brauchte um ihr zu helfen, in den Anhänger zu gehen. Das einzige, das wir gerade zur Hand hatten, war ein Gartenschlauch. Wir rollten den Schlauch etwa 5m hinter ihr ab und bewegten ihn ganz sachte am Boden. Das war der Druck, den sie brauchte um den ersten Versuch zu machen. Und bald danach konnten wir darauf verzichten. Also, anstatt sich auf irgend etwas festzufahren, betrachte die Situation als ganzes und überlege, was euch beiden helfen kann, die erwünschte Reaktion zu bekommen.
Nehmen wir einmal folgendes Beispiel. Nehmen wir an, wir haben bereits alle nur erdenklichen Faktoren durchdacht, die möglicherweise die Ursache für ein bestimmtes Verhalten sein könnten und wir kommen schlussendlich zu der Ansicht, dass unser Pferd aufgehört hat, es für uns auch nur zu versuchen. Lass uns den ganzen Prozess durchgehen, den die beiden bei der Suche nach einer Lösung so durchlaufen.
Wenn ein Pferd, das normalerweise sofort und ohne Zögern in den Hänger geht, plötzlich nicht zu verladen ist, hat sich wahrscheinlich im üblichen Ablauf etwas verändert. Üblicherweise verweigert das Pferd nicht plötzlich etwas, was es bislang ohne Probleme gemacht hat. Ich würde nach einer Veränderung in der üblichen Routine suchen oder nach veränderten Umständen, nach irgendeiner Abweichung von den normalen Zuständen. Ein genauerer Blick auf das gesamte Bild, kann meist zeigen, woher dieses veränderte Verhalten kommt. Wenn du ehrlich überzeugt bist, alle äußeren Umstände (oder möglicherweise auch physische Faktoren wie Schmerzen, Lahmheit, etc.) überprüft zu haben, dann könnte es an der Zeit sein, kreativ zu werden. Die unzählig vielfältigen Möglichkeiten von Ausrüstungsgegenständen oder Anwendungstechniken, werden nur durch deinen eigenen Mangel an Vorstellungskraft und Phantasie eingeschränkt.


Ingrid Stiel
Taborstr.5
A-3012 Wolfsgraben
e-mail: Stiel@aon.at
Mobil: 0664/4709613