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Letzte Änderung
12.04.2011
Horsemanship > Bericht > Mark Rashid > Problem Lösungen

Übersetzung eines Artikels von Mark Rashid für Western News 5/2002

The Problem with Problem Solving
Das Problem mit den Problemlösungen

von Mark Rashid

Übersetzung: Ingrid Stiel

Die junge Frau sprach mich nach einem meiner Kurse an und bat mich, ihr bei der Lösung eines Problems mit ihrem Pferd zu helfen. Sie erklärte, sie hätte das Pferd, eine 6-jährige Araber-Quarter Horse-Stute vor zwei Jahren gekauft. Damals sei das Pferd in Ordnung gewesen. Nun hätte sich das Pferd, warum auch immer, angewöhnt zu steigen, sobald sie sich in den Sattel setze. Die Stute hatte auch begonnen sofort mit ihr durchzugehen, sobald sie mehr als nur Schritt von ihr verlangte.
Sie sagte, sie hätte mit einem Trainer gesprochen, der ihr Techniken erklärt hätte um das Steigen abzustellen. Aber bis jetzt hätte das alles nicht funktioniert. Und gegen das Durchgehen sollte sie ein schärferes Gebiss für ihr Pferd verwenden, war die Empfehlung. Das alles machte es jedoch nur noch schlimmer. Sie war bereits so frustriert, dass sie daran dachte, das Pferd zu verkaufen.
Das war eine der üblichen Konversationen, wie ich sie schon oft mit anderen Leuten geführt habe. Jedesmal habe ich die gleiche Antwort gegeben: "Offensichtlich machen sie irgendetwas, das diese Probleme auslöst". Allgemein gesagt kommt diese Antwort nicht so besonders gut an. Niemand möchte gerne hören, dass er selbst möglicherweise die Ursache für die Probleme seines Pferdes ist. Sie würden viel lieber hören, dass es irgendein Defekt in der Lernbereitschaft des Pferdes ist, nicht ein Defekt in den Trainingsmethoden der jeweiligen Person.
Aber zu behaupten, dass die Person das Pferd nicht gut trainiert ist nun auch wieder nicht der Punkt. Es geht vielmehr um Verständigungsschwierigkeiten zwischen dem Menschen und seinem Pferd. Der Mensch hat üblicherweise eine genaue Vorstellung davon, was das Pferd tun sollte , und wie man es dazu veranlassen kann, das auch zu tun.
Sagen wir, z.B., das Pferd soll sich im Schritt in Bewegung setzen. Das ist aus der Sicht des Menschen eine leichte Aufgabe. Aber für das Pferd, speziell für ein junges oder rohes Pferd, oder ein Pferd mit einem sensiblen Maul, könnte es etwas anderes bedeuten. Für ein Pferd, das nicht versteht, was der Mensch von ihm erwartet, könnte es als Umklammerung, als Bewegungseinschränkung betrachtet werden. Es beginnt nervös zu werden, lehnt sich gegen den Druck, oder es reißt den Kopf hoch, möglicherweise steigt es auch oder geht durch.
Bald danach legt ihm der Mensch ein schärferes Gebiß ins Maul um es am drauflegen und durchgehen zu hindern. Um ihm das Kopfhochreissen oder Steigen abzugewöhnen kommt ein Stoßzügel zum Einsatz. Das Pferd beginnt unkontrollierbar zu werden. Der Mensch wird frustriert und verkauft das Pferd vielleicht. Von diesem Moment an wird dieses Pferd als Problempferd betrachtet und als solches auch behandelt.
Die meisten Leute behandeln Problempferde mit härtere Hand, manchmal bis zu physischen Schmerzen. Und gerade das verschärft das Problem noch zusätzlich. Denn dann denkt das Pferd, dass es sich ständig verteidigen muss. Und so endet das ganze dann mit einem Pferd, das nicht nur nicht stoppt, sondern nun auch schlägt, beißt und buckelt. Das Pferd wird als gestört betrachtet und endet schlußendlich beim Schlachter.
Dieses Beispiel mag weit hergeholt erscheinen, aber diese Dinge passieren täglich. Wagenladungen voll mit Problempferden auf dem Weg in die Konservenfabriken.
Meiner Meinung nach ist es wirklich eine Tragödie, dass dieser Schneeballeffekt ins Rollen kommt, wenn doch diese ganze Sache gleich zu Beginn mit etwas mehr Geduld und Verständnis hätte bereinigt werden können.
Im Gegensatz zu dem, was die meisten Leute denken, handeln Pferde nicht böswillig oder ignorant um den Menschen auf die Palme zu bringen. Pferde denken nicht auf diese Weise. Sie verstehen einfach nicht, was wir von ihnen wollen und reagieren auf die Art und Weise, wie sieh es eben können. Schließlich sind sie eben Pferde und als solche müssen sie auch behandelt werden. Wenn dein Pferd nicht macht, was du von ihm verlangst, dann wahrscheinlich deshalb, weil es nicht versteht, was du von ihm willst.
Stop. Nimm dir Zeit. Denk darüber nach, was du tust. Denk darüber nach, was dein Pferd versucht, dir zu verstehen zu geben. Geh einen Schritt zurück und versuchs nochmal. Nimm einen anderen Anlauf. Mach alles mögliche ohne die Geduld zu verlieren. Bleib freundlich. Du wirst einen Weg finden, dein Ziel zu erreichen, wenn du die Aufgabe auf andere Art und Weise angehst. Im Grunde ist es immer noch viel leichter Probleme zu verhindern als sie wieder in Ordnung zu bringen.
Im Laufe der Jahre habe ich mit hunderten dieser Problempferde gearbeitet und es war mir nicht möglich auch nur eines ihrer Probleme zu lösen. Ich habe es aber geschafft, ihre Einstellung dahingehend zu verändern, dass ihre Probleme gelöst wurden.
Dieses Konzept ist für manche Leute vielleicht schwer zu verstehen, also möchte ich erklären, was ich meine.
Wir bekamen einen 5 Jahre alten Hengst, der sein ganzes Leben in Freiheit verbracht hatte. Nachdem er geschnitten worden war, wurde er auf eine 300.000m2 große Weide gebracht, bis wir anfingen, mit ihm zu arbeiten. Ein paar Wochen später begannen wir das Training. Wir brachten ihn in einen 40 Fuß Round Pen und wenn man ihm zusah, musste man sagen, dass er schreckliche Angst hatte, nicht nur vor uns, sondern auch vor dem Eingesperrtsein. Seine Reaktion auf diese Situation war Furcht.
Wir ließen ihn etwa 40 Minuten allein im Round Pen. Er hatte noch nicht begonnen sich in dieser Umgebung wohlzufühlen. Sobald er sich entspannte, betrat ich die Einzäunung. Er lief außer sich im Round Pen herum. In seinen Augen war ich wahrscheinlich ein Raubtier, das ihm ans Leben wollte. Augenscheinlich gab es zu diesem Zeitpunkt für mich keine Möglichkeit näher an ihn ranzukommen. Ich mußte ihm klar machen, dass es nicht meine Absicht war, ihn zu verletzen.
Durch meine völlig passive Körperhaltung und Reaktionen auf seine Körpersprache in einer Art und Weise die er verstehen konnte, begann er sich zu beruhigen. Innerhalb von 35 Minuten ließ er mich nah an sich heran und sich auch berühren. Alles, was ich getan hatte, um diese Reaktion zu bekommen, war, seine Einstellung mir gegenüber zu ändern. Ich war vom Raubtier zu jemandem geworden, dem er vertrauen konnte.
Es liegt auf der Hand, dass nicht alle Pferde so rasch reagieren. Manche brauchen Wochen oder sogar Monate dazu. Es hängt alles von der Dauer und der Intensität der negativen Erfahrungen ab, denen sie bislang ausgesetzt gewesen sind. Und sogar dann, durch falsches Handling kann das alte Problem jederzeit wieder heraufbeschwört werden.
Ich wurde einmal gefragt, was das Schwierigste an der Arbeit mit Problempferden ist. Ich antwortete "Es sind nicht die Pferde oder ihre Probleme; es sind die Leute". Wir finden, dass das Pferd ein intelligentes, verzeihendes und wundervoll wissbegieriges Lebewesen ist. Durch Kommunikation mit ihm auf seine Art können wir zu fast 100% die gewünschte Reaktion bekommen. Die Arbeit mit den Pferdebesitzern kann mitunter wesentlich frustrierender sein. Für manche Leute ist es schwierig, ihr innerstes Bedürfnis, ein Pferd dafür zu bestrafen, wenn es etwas nicht richtig macht, zu überwinden. Ein gutes Beispiel dafür ist eine junge Frau, die kürzlich um Hilfe bat. Ihr Pferd, sagte sie, würde nicht angaloppieren. Sie fügte hinzu, dass sie reiten könne und ihrem Pferd klare und richtige Hilfen gäbe.
Ich ließ sie vorreiten um vielleicht zu sehen, wo das Problem war. Die Hilfe zum Angaloppieren bestand darin, ihr Pferd insgesamt sieben Mal mit den Fersen zu kicken. Zwischen dem 2. und 3. Kick begann das Pferd zu galoppieren. Die Reiterin fühlte die Beschleunigung, verkrampfte sich leicht, zog unbewußt an den Zügeln. Zwischen dem 5. und 6. Kick fühlte das Pferd den Druck im Maul und fiel in den Trab. Der 7. Kick war deutlich heftiger und schien bereits aus Frustration zu kommen. Das Pferd reagierte darauf mit Kopfschlagen. Die Reiterin sah mich verärgert an und meinte: "Na, sehen sie?".
In ihren Augen hatte sie nichts falsches gemacht. Aber das Pferd, das gegensätzliche Signale erhalten hatte, hatte einfach nicht verstanden, was sie wollte. Es wurde verwirrt und reagierte auf die einzige Art, die es kannte. Und dann, um klar zu machen, dass es nicht verstanden hatte, schlug es frustriert mit dem Kopf. Aber alles, was die Reiterin sah, war ein widersetzliches Pferd.
Die Einstellung eines Problempferdes zu ändern ist manchmal leicht, im Vergleich zu dem Versuch, die Einstellung mancher Leute zu ändern. Warum das mit Pferden so läuft, im Gegensatz zu manchen Leuten, liegt daran, dass sie nicht so selbstherrlich sind. Sie wollen meist das Richtige für uns tun. Manchmal geben wir ihnen aber nicht die richtige Hilfestellung, um es zu verstehen.
Wenn du ein Problempferd hast und seine Einstellung ändern mußt, solltest du die Situation nicht mit "mein Pferd hat ein Problem" beschreiben, du solltest dich selbst fragen "wie kann ich ihm auf eine Art und Weise, die es versteht klarmachen, was ich von ihm möchte?".
Wenn du einmal begonnen hast diese Einstellung zu verinnerlichen und täglich daran arbeitest, wirst du deinem Pferd helfen seine Probleme zu lösen und wirst es außerdem besser verstehen und respektieren. Du wirst möglicherweise bemerken, dass dein Pferd leichter, williger und kooperativer reagieren wird, bei allem was du von ihm verlangst. Du wirst dabei einen neuen Weg der Kommunikation geöffnet haben und das Problem mit den Problemlösungen wird verschwunden sein.

Ingrid Stiel
Taborstr.5
A-3012 Wolfsgraben
e-mail: Stiel@aon.at
Mobil: 0664/4709613